Die stille Gefahr des Ertrinkens

Jährlich fallen über 400 Menschen in Deutschland dem Ertrinken zum Opfer. Diese Menschen sterben nicht an einsamen Buchten oder unbelebten Abschnitten, sondern häufig sind unmittelbar in ihrer Nähe andere Badegäste. Oft sogar beobachten die anderen Gäste den Vorgang, weil sie die Anzeichen des Ertrinkens nicht erkennen. Das Phänomen des unbemerkten Ertrinkens, hat der amerikanische Coast Guard Mario Vittone in seinem Artikel „Drowning Doesn´t Look Like Drowning“ untersucht und hat damit viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Im Folgenden finden Sie eine Übersetzung des Artikels.

Wenn Ertrinken nicht nach Ertrinken aussieht
Voll bekleidet sprang der Kapitän von Board und sprintete durchs Wasser. Der frühere Rettungsschwimmer ließ seine Augen immer auf das Opfer gerichtet und bewegte sich auf ein schwimmendes Pärchen zu. „Ich glaube, dass er denkt, du ertrinkst“, sagte der Mann. Sie hatten kurz vorher im Wasser herumgealbert, mit Wasser gespritzt und vor Freude laut geschrien. Nun standen sie bis zum Nacken im Wasser auf einer Sandbank und waren stiller. Das Pärchen rief dem Rettungsschwimmer zu, dass es ihnen gut ginge. Dennoch bewegte sich der Rettungsschwimmer weiter auf sie zu und drängte das Pärchen zur Seite. Kaum drei Meter hinter ihnen stoppte er. Genau dort, war die kleine Tochter gerade dabei zu ertrinken. Das Pärchen hatte nichts bemerkt und hätte so fast ihre 9-Jährige Tochter verloren.
Die Frage, die sich nun stellt, ist: Wie konnte der Schwimmer aus 15 Meter erkennen, was dort geschah, wenn nicht einmal der Vater in drei Metern Entferung etwas von der sich anbahnenden Katastrophe ahnte?
Entgegen weitläufiger Meinungen ist Ertrinken nicht mit lauten Hilfeschreien verbunden. Der Kapitän hatte durch seine jahrelange Erfahrung gelernt, die Anzeichen des Ertrinkens zu erkennen. Der Vater hingegen kannte nur die in den Medien dargestellte Art des Ertrinkens: Laute, panische Schreie und Winken mit den Armen. Dass die Realität ganz anders aussieht, hatte er jetzt gelernt. Wer Zeit am oder auf dem Wasser verbringt, sollte sicherstellen, dass er und alle Mitreisenden wissen, wie man das Ertrinken erkennen kann.
Ich selbst bin ehemaliger Rettungsschwimmer der Küstenwache. Deshalb hatte diese Geschichte für mich nichts Überraschendes. Ertrinken ist meist ein sehr stiller Vorgang. Die lautstarken Darstellungen des Ertrinkens im Fernsehen stimmen nur selten mit der Wirklichkeit überein.
Dr. Franceso A. Pia nannte das tatsächliche Verhalten „die instinktive Reaktion auf das Ertrinken“ (The Instinctive Drowning Response). Um nicht zu ertrinken, werden die Menschen eher ruhig. Kaum Gespritze, kein Winken und keine Schreie sind die Folge. Genau das macht es schwer, das Ertrinken zu erkennen. Ein Zeichen für die Fehleinschätzung der Gefahr des Ertrinkens ist das Folgende: Der zweithäufigste Unfalltod bei Kindern unter 15 Jahren ist das Ertrinken. Die Hälfte der ertrunkenen Kinder, befindet sich in der Regel nicht weiter als 20 Meter von einem Elternteil entfernt. Dennoch ertrinken diese Kinder. In 10 Prozent wird der Vorgang des Ertrinkens sogar von den Erwachsenen beobachtet – unbemerkt bis es zu spät ist. (Quelle: CDC)

Indikatoren des Ertrinkens: Hierauf müssen Sie achten!
Dr. Pia erläuterte im Coast Guard´s On Scene Magazine die instinktive Reaktion des Ertrinkens:
1. In der Regel sind Ertrinkende nicht dazu fähig, um Hilfe zu rufen. Ursächlich sind physiologische Gegebenheiten: Das menschliche Atmungssystem ist in erster Linie auf das Atmen ausgelegt. Erst danach kommt die Sprachfunktion. Wenn der Mensch also nicht atmen kann, ist er auch nicht in der Lage zu sprechen.
2. Wenn Menschen ertrinken, befindet sich ihr Mund im Wechsel über und unter der Wasseroberfläche. Die Zeit über der Wasseroberfläche genügt nicht, um auszuatmen, einzuatmen und zu schreien. Die Ertrinkenden atmen kurz über Wasser, für Hilferufe genügt das Zeitfenster über der Oberfläche nicht.
3. Personen, die ertrinken, können nicht winken. Sie strecken ihre Arme instinktiv seitlich aus und versuchen, durch Drücken auf die Wasseroberfläche ihren Körper oben zu halten. Ziel ist, so den Mund über Wasser heben und atmen zu können.
4. Die Motorik eines Ertrinkenden ist gestört. Das Ausführen bewusster Bewegungen, zum Beispiel dem Winken um Hilfe, der Bewegung auf einen Retter hin, ist physiologisch nicht möglich.
5. Bei einem ertrinkenden Menschen führt die instinktive Reaktion dazu, dass er aufrecht im Wasser „steht“. Er setzt seine Füße und Beine nicht ein, um dem Ertrinken vorzubeugen, weil er instinktiv reagiert. Ohne Hilfe, können die Ertrinkenden so nur 20 bis 60 Sekunden an der Wasseroberfläche bleiben. Dann gehen sie unter.

Weitere Anzeichen des Ertrinkens
Beachten Sie bitte unbedingt auch die folgenden Merkmale des Ertrinkens:
*Mund auf Höhe der Wasseroberfläche
*Kopf tief im Wasser und nach hinten geneigt
*Geöffneter Mund
*Glasige, leere Augen
*Unfähig den Blick zu fokussieren
*Geschlossene Augen
*Haare hängen auf der Stirn oder in den Augen
*Aufrecht im Wasser
*Unbewegte Beine
*Schnappen nach Luft
*Hyperventilieren
*Versuch, in eine Richtung zu schwimmen, ohne voranzukommen
*Versuch, sich auf den Rücken zu drehen

Falls Sie also jemals in einer Situation sind, in der Rettungsschwimmer plötzlich ins Wasser laufen, es scheint aber alles in Ordnung zu sein: Schauen Sie lieber nochmals. Manchmal sehen gerade Ertrinkende so aus, als wäre nichts. Um sicherzugehen, fragen Sie, ob es ihm gut geht. Bei einer Antwort können Sie beruhigt sein, ansonsten sollten Sie helfen – und das möglichst in wenigen Sekunden.
Nochmals an alle Eltern: Kinder, die im Wasser spielen, toben und sind laut. Wird ein Kind still, schauen Sie bitte unverzüglich nach der Ursache.

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